Barbara Neußer  

 

"Es war einmal-50Jahre Leben.

Assoziationssprache von Farbe und Form.

 

Eröffnung


I.    Zu meiner Person

Dass ich – wieder – male, hat seine Ursache in der Notwendigkeit, mich mit mir auseinander setzen zu müssen.

Nach 50 Jahren ohne mich, sind jetzt noch viele mit mir vorgesehen.

Das Studium der Kunst/Textilgestaltung nach dem Abitur 1976 ging schon in die richtige Richtung, nur der Lehramtsabschluss nicht. Im deutschen Schulsystem können weder Lehrer noch Schüler die nötige Zahl und Tiefe an positiven Erfahrungen machen, um auf das Leben vorbereitet zu sein.

Meine zwei Töchter kurz hintereinander machten Muttersein zum Hauptberuf. 1988 nach der Scheidung kam der erste Richtungswechsel in die Kosmetikbranche. Überall kann man gute Erfahrungen machen, aber wenn man kein Verkaufsgenie ist, kann man in diesem Beruf kein Geld verdienen.

Der zweite Richtungswechsel erfolgte 1995/1996 mit der „Umschulung“ zur Fremdsprachenkontoristin. Als Geschäftsführungsassistentin hatte ich Erfolge, die aber immer wieder durch Firmenverkäufe, Umstrukturierungen oder Planstellenstreichungen abgewürgt wurden. 40 Stunden plus-Engagement gegen Wirtschaftsinteressen und Profitgier, Festanstellung (sechs Jahre) gegen Zeitarbeit (elf Jahre) - auf insgesamt - 12 verschiedenen Stellen bis 2013 - laugen aus, frustrieren bis hin zu Existenzängsten. Das können auch eine Familie und Partner nur bedingt auffangen.

In dieser Zeit waren die Mitgliedschaft in einem Kammerkreis für Alte Musik, insgesamt 23 Jahre (1989-2013) und drei Semester Malschule in der Galerie Grunschel (1989 – 1991) die einzige künstlerische Betätigung.

Die Unfallfolgen der Mutter 1999 waren eine weitere Herausforderung, die bis heute nachwirken.

Der dritte Richtungswechsel ist durch einen Zufall entstanden. Eine meiner beschäftigungslosen Zeiten 2012 hatte ich mit ehrenamtlichem „Kinderhüten“ beim VfG Haus „Ausweg“ verbracht. Daraus ergab sich die Teilnahme an einer Qualifikation zur Tagesmutter nach Bundesverband e.V. Locker geschafft.

Meine Tochter und meine Betreuungskinder sind die größten Schätze und Bereicherungen in meinem Leben. Ihnen kann ich das geben, was mir selbst als Kind so sehr gefehlt hat.

Dass ausgerechnet aber das Praktikum zu diesem Job Einsturz (Januar 2013) und Neustart (August 2013) gleichzeitig bedeuten würde, hätte ich damals nicht gedacht.
 


Vielen Menschen, denen ich seit Januar 2013 begegnet bin, verdanke ich Zuspruch, Bestätigung und Hilfe auf dem Weg zu mir. Euch allen meinen innigsten Dank. Ich kann endlich sein, was ich fühle: Künstlerin
 

 

II.    Zu meinen Bildern

Meine Bilder sind keine dekorativen Kunstwerke, wie man Marc, Macke, Klimt, Hundertwasser o.a. ansehen könnte. Deren Intention weicht weit von dem ab, was mich antreibt, was seit Duchamp, Dada und Max Ernst begonnen hat.

Das, was Sie sehen, ist aus mir heraus gekommen. Da gibt es keine Vorlage, keine Idee, was werden soll. Da war nur Gefühl, das raus musste. Aber wie das mit Farbe in Form und auf die Leinwand bringen? Wie sieht Wut aus, wie Resignation, welche Farbe hat Angst, Verlassenheit, Trauer, welche Form hat es, wenn man das Gefühl hat, nicht zu wissen, wer man ist? Und so begannen sich allmählich Bilder in meinem Kopf zu formen, indem ich auch den Assoziationen freien Raum ließ.

Manche meiner Bilder haben Titel erst im Nachhinein, nach Abschluss und Überschlafen bekommen, wie z.B. „Haltlos“ oder „Sinnlichkeit“. Andere Titel ergaben sich aus dem Entstehungsprozess, wie „Manifestierte Tränen“ oder „Durchkreuzt“.

„Zorn“ und „Sprachlosigkeit“ (nicht ausgestellt) wiederum sind Bilder, deren Titel die Bildgestaltung bestimmt haben.

Von mir vorgegebene Titel sind aber nicht bindend für den Betrachter.
Die Frage „Was soll das sein?“ oder „Was hast Du dabei gedacht?“ sollten Sie austauschen gegen „Was sehe ich?, Was fühle ich?“. Die Bildassoziationen, die die Titel bei Ihnen hervorrufen, sind wichtig. „Kann ich über das Bild ein Gefühl nachvollziehen? Was spricht mich an, was nicht?“.

Ich bin, wie viele andere, „Freizeitmalerin“. Deshalb sehe ich mich nicht in einer Maltradition arbeiten, wie sie meinetwegen auf der art.cologne oder der documenta in Kassel zu finden sind. Zu definieren, wozu Kunst gut ist, welche Ausdrucksformen sie haben sollte, wird schwieriger denn je. Aber dass sie immer Mittel ist, Wandlungen im gesellschaftlichen, politischen, sozialen und emotionalem Leben darzustellen, wird bleiben. Und der besondere Aspekt, zu mahnen, nichts zu beschönigen, herauszufordern, sichtbar zu machen, hinzuschauen, wo andere weggucken, wird nie enden. Mit dem Ausdruck „Zeitgenössische Kunst“ wurde ein Begriff gefunden, der dem hohen moralischen Anspruch der Kunst und an ihr, nur vage gerecht wird.

Meine „Nische“ hier ist die Freiheit, jetzt meine Gefühle anzuschauen, ihnen Raum zu geben, sie sichtbar zu machen.

Dass ich außerdem mit meinen Bildern Geld verdienen möchte – warum nicht?

Aber das Wichtigste ist die geistige Anregung, die Kontakte mit Gleichgesinnten und das Gefühl, etwas Sinnvolles, Erfüllendes, Fortbestehendes schaffen zu können. Und ich selbst zu sein. Das, was ich fühle: Künstlerin.


Barbara Neusser
Siegburg, 15. Mai 2014
 

Haltlos